am seidenen faden

Gegen 9 Uhr brechen die große Anja und ich in Lake Tekapo auf, um weiter nach Wanaka zu fahren. Die rund dreistündige Tour führt uns durch eine herrliche Landschaft: schneebedeckte Berge, blaue Seen, saftige Wiesen – und natürlich dürfen auch die obligatorischen Schafherden nicht fehlen. Zehn Kilometer vor Wanaka bäumt sich ein kleiner Flughafen vor uns auf: „Airport Wanaka“. Als wir die Aufschrift „Skydiving“ erblicken, beschließen wir spontan, kurz rauszufahren und uns Informationen zu holen. Noch mal zum Mitschreiben: INFORMATIONEN HOLEN, ist der Plan. Eine halbe Stunde später sitzen wir im Flieger.

Unserem Wunsch nach Zahlen und Fakten begegnet man mit einem Lächeln. Wir werden in ein kleines Räumchen gelotst, das wie ein Puppen-Kinosaal aussieht, in dem man uns zur Einstimmung ein kurzes Fallschirmsprung-Video vors Auge legt. Gebannt starren wir auf die Leinwand. Im Sessel klebend ernten wir spektakuläre Eindrücke, die wir in schlotternde Knie und den Drang, umgehend aufs Klo zu sausen, verwandeln. Auf die Frage der Servicekraft, ob wir es wagen wollen, sehen wir uns unentschlossen an: Während die große Anja noch zögert, präsentiere ich überraschend fröhlich meinen jugendlichen Leichtsinn: Mit „Och ja…“, „Wenn wir schon mal da sind…“ und „Das Wetter ist grad so schön…“ versuche ich sie zu motivieren und mir selbst die Angst auszureden. Ruckzuck arbeiten wir uns durch einen A4-Zettel, der uns vor die Nase serviert wird. Mit einer krakeligen Unterschrift legen wir unser Leben – ohne Garantie und jegliche rechtliche Ansprüche beim Scheitern – in die Hände der Profis und besiegeln somit den Pakt für unseren ersten Fallschirmsprung.

Danach stellen wir uns nicht nur in die Sonne, sondern vor allem die Frage, ob wir bekloppt wären. Das können wir mit ruhigem Gewissen verneinen, wir sind einfach mutig, spontan und gewillt, uns beiden einen lang gehegten Traum zu erfüllen. Kurze Zeit später werden wir in unser orangefarbenes Outfit gesteckt, und jeder wird seinem so genannten Instructor vorgestellt, mit dem wir später gemeinsam am Schirm baumeln würden. Obwohl die Sonne fröhlich vor sich hin strahlt und uns angenehme Wärme sendet, fühlen sich unsere Hände an, als hätten sie gerade eine Expedition ins Eisfach hinter sich. Die Beine sind wacklig. Im Kopf brodelt eine Mischung aus Vorfreude, Nervosität und der gedanklichen Einstufung des eigenen Wahnsinns auf einer Skala von 1 bis 10.

Gerüstet für unseren ersten Fallschirmsprung

Mit meinem Instructor vor dem Flugzeug

Zusammen mit einem asiatischen Pärchen, den Profis und einem euphorischen Kameramann steigen wir in das enge, rote Flugzeug und nehmen im hinteren Bereich der Maschine, seitlich auf einem schmalen Bänkchen Platz – hinter uns parkt sich der dazugehörige Instructor.

Zusammengepfercht im Flieger

Rückwärts zur Flugrichtung heben wir ab, ein mulmiges Gefühl. Doch je höher wir steigen, desto entspannter werde ich. Die Kulisse ist einfach atemberaubend: die Berge mit den weißen Wipfeln, der blaue See, der türkisfarbene Fluss, der sich geschickt durch die Landschaft schlängelt, die Sonne – und dieser strahlend blaue, wolkenlose Himmel… Mit einem zufriedenen Lächeln und extremer innerer Ruhe und Ausgeglichenheit genieße ich den etwa 15-minütigen Rundflug.

Meine innerliche Idylle wird abrupt unterbrochen, als der Instructor meinen Blick auf seinen Höhenmesser richtet. 10.000 Fuß. Oha, wir nähern uns der Zielhöhe. Er fordert mich auf, auf seinem Schoß Platz zu nehmen. Etwas irritiert sehe ich ihn an, begreife jedoch recht schnell, dass dies der Zeitpunkt ist, an dem er mich an sich kettet und uns mit etlichen Gurten miteinander verschnürt. Auf wundersame Weise fühle ich mich plötzlich total sicher.

Dann geht die Luke auf. Innerhalb weniger Sekunden wird das erste Springerpärchen förmlich hinaus gesogen – wie eine Wollmaus in den Staubsauger. Anja und ich sehen uns mit großen Augen an. Oh oh, es wird ernst. Zack, ist das zweite Pärchen draußen. Da waren’s nur noch zwei. Mein Instructor schiebt mich die Bank entlang in Richtung der Luke. Erstaunlicherweise bin ich noch immer die Ruhe in Person und erfreue mich am herrlichen Ausblick. Mein Blick schweift in die Ferne und ich bin entzückt von diesem wild geschwungenen, türkisfarbenen Fluss. Plötzlich begreife ich, dass ich bereits an der Luke sitze. Na ja, eigentlich sitzt der Instructor an der Luke, ich hänge, da ich vor ihn geschnallt bin, schon draußen. Ich konzentriere mich gerade akribisch darauf, diese putzige Sprunghaltung einzunehmen, als er plötzlich loshüpft. Aaaaah. Noch bevor ich realisiere, dass ich gerade aus einem Flugzeug springe, öffnet sich mein Mund zu einem abenteuerlichen Schrei.

Absprung!

Kopfüber purzele ich dem Erdboden entgegen. 60 Meter pro Sekunde. In einem Affenzahn sause ich durch die Luft, es ist arschkalt, und das Atmen fällt mir schwer. Oben, unten, Fluss, Berge, Himmel, See – wo bin ich? Der Wind pfeift mir durchs Gesicht. Meine Augen sind so weit aufgerissen, dass ich es damit wohl ins Guinessbuch der Rekorde schaffen könnte, während mein Orientierungssinn auf ein Minimum zusammenschrumpft. Dann wird aus dem unkontrollierten Gepurzel ein rasantes Flattern. Ich liege förmlich in der Luft. Es ist atemberaubend – im wahrsten Sinne des Wortes.

Einfach in der Luft (f)liegen

Atemberaubende Kulisse

Fly, fly away...

Als sich der Schirm öffnet, wird es ruhiger. Wir schweben. Die pralle Sonne, der strahlend blaue Himmel und diese faszinierende Natur um mich herum. Ich fühle mich unendlich frei und spüre ein einzigartiges Glücksgefühl, das auf einer Adrenalinwelle durch meinen Körper surft. Mein Kopf ist endlich einmal leer. Keine Fragen, keine An(j)alysen, keine Zweifel, keine Pläne. Wunderschönes Nichts.

Grenzenlose Freiheit

Mit einer sanften Arschlandung setzen wir auf.

Sanfte Landung

Ich bin total außer Puste – obwohl ich nur am Schirm hing. Das Glücksgefühl scheint sich in mir wohl zu fühlen und nistet sich von Kopf bis Fuß in mir ein. Erleichterung kommt hinzu. Und ein bisschen Stolz. Erst jetzt merke ich, dass mein Herz regelrecht rast. Aber es fühlt sich gut an. Leben.

Glücklich am Ziel

Dann sehe ich nach oben. Anja fliegt heran. Nachdem sie gelandet ist, stürme ich ihr entgegen. Breit grinsend schließen wir uns in die Arme. Wir haben es geschafft. Zwei Schisshasen – mutig, tapfer und kühn – haben ihre Angst überwunden und sich einen Traum erfüllt!

Glüklich, zufrieden und stolz

Dass wir den Rest des Tages total überdreht sind, kann man sich sicherlich vorstellen…

Fliegeranjas

Mehr Fallschirmbilder…

Infos zu Skydive Wanaka

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2 Gedanken zu „am seidenen faden

  1. Pingback: freefall tower: aaaaaah! | kleine-@nja

  2. Pingback: meine sechs spektakulärsten abenteuer - gedankenvilla

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