fango im okavango

Tag 10. Die erste Busch-Nacht haben wir unverletzt überstanden. Keines unserer Zelte ist nachts von einem Elefanten platt gelatscht und keiner der nächtlichen Toilettengänger bzw. Erdloch-Geschäftemacher von einem Wildtier überrascht oder angeknabbert worden. Noch vor Sonnenaufgang brechen wir zu einem ausgedehnten bush walk auf – ohne Frühstück im Magen. Das einzige, das wir uns einverleiben können, sind Instant Kaffee und harte Kekse. Auf den Okavango-Kaffee verzichte ich, der Keks verschwindet als Not-Ration in meiner Hosentasche. Eine weise Entscheidung.

In den bereits bekannten Gruppen stiefeln wir los – jede sucht sich einen anderen Weg, doch das Ziel ist dasselbe: Auge in Auge mit wilden Tieren!

Es dauert gar nicht lange, da entdecken wir ungeahnte Formen in den Baumwipfeln: Giraffenköpfe!

Giraffen naschen am Baum.

Giraffen naschen am Baum.

Nur wenige Minuten später pirschen wir uns an eine recht imposante Herde von Giraffen und Zebras heran! Innerlich sind wir völlig aus dem Häuschen, äußerlich bewahren wir – wie uns das am Vortag eingetrichtert wurde – fachmännische Ruhe.

Langsam nähern wir uns der Herde...

Langsam nähern wir uns der Herde…

Als wir gehört werden, treten alle Tiere kurzerhand die Flucht an.

Als wir gehört werden, treten alle Tiere kurzerhand die Flucht an.

Leider haben wir zu laut geraschelt, und die Herde türmt. Ein erfreulicher Nebeneffekt ist allerdings, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben galoppierende Giraffen bestaunen kann.

Als wir im gewohnten Gänsemarsch weiterziehen, treffen wir auf interessante Dinge: einen Schädel, ein leeres Schildkrötenhäuschen und noch warme Elefantenkacke – die grauen Riesen können also nicht weit sein!

Schattenspieler auf Wanderschaft

Schattenspieler auf Wanderschaft

Hui, von der Seite schaut uns ein Schädel an...

Hui, von der Seite schaut uns ein Schädel an…

Klopf, klopf - jemand zuhause? Auf unserem Schleichweg steht ein leeres Schildkrötenhäuschen.

Klopf, klopf – jemand zuhause? Auf unserem Schleichweg steht ein leeres Schildkrötenhäuschen.

Puh, ein recht imposantes Geschäft, das mir da zu Füßen liegt.

Puh, ein recht imposantes Geschäft, das mir da zu Füßen liegt.

Die elefantösen Lebenszeichen lotsen uns ohne Ergebnis durch die Pampa. Haben uns die Dickhäuter etwa am Rüssel herumgeführt?! Stattdessen erblicken wir in der Ferne eine für uns neue Spezies: Tsetsebis. Unser Guide ist komplett von den Socken und zückt begeistert seine Kamera; diese Tiere sieht man wohl nur ganz selten. Wie schön, dass ausgerechnet wir sie auf ihrer Rennstrecke erspäht haben.

In der Ferne erspähen wir Tsetsebis, die wild im Kreis toben.

In der Ferne erspähen wir Tsetsebis, die wild im Kreis toben.

Während wir durch die Landschaft streifen und vergeblich nach den Elefanten suchen, scheint die Sonne immer stärker auf uns herab. Ein fieser Hauch von Anstrengung macht sich breit. Wir haben Hunger! Und keine Lust mehr zu laufen. Wenn die Erfolgserlebnisse ausbleiben und sich alle Tiere kichernd vor uns verstecken, vergehen uns Laune, Kraft und Motivation. Glücklicherweise hält meine Hosentasche eine deliziöse Energiereserve für mich bereit: den kleinen harten Keks. Gott sei Dank knuspere ich diesen in einer „Langeweile-Phase“ und nicht, als wir Tiere beobachten. Beim ersten Bissen wären diese wohl geflüchtet! Es kracht, als der Keks versucht, sich in ein mundgerechtes Stück zu verwandeln. Erschrocken prüfe ich mein Gebiss auf Vollzähligkeit. Verdammt, jetzt weiß ich, warum die am Morgen zusammen mit dem Kaffee serviert wurden. Nichtsdestotrotz bewahrt mich das steinerne Mini-Nahrungsmittel vor dem Kollaps.

Unmittelbar nach meinem geheimen Brunch findet unser Guide eine afrikanische Kauwurzel und drückt jedem ein Stückchen in die Hand. Er erklärt uns, dass diese von den Einheimischen als Zahnbürste genutzt wird. Das Wurzelwerk ist verantwortlich dafür, dass diese Menschen so schöne weiße Zähne haben. Etwas skeptisch schieben wir uns das Gewächs, das wie ein banales Stöckchen aussieht, in den Mund und beißen zaghaft drauf. Automatisch verzieht sich das Gesicht. Schmeckt eigentlich nach nichts. Etwas erfrischend vielleicht. Na ja, das Kundenversprechen „weiße Zähne“ ist für uns mehr als überzeugend und so nagen wir den Rest der Wanderung genüsslich auf unserer neuen Zahnbürste herum.

Unser Guide hat eine buschige Zahnbürste gefunden.

Unser Guide hat eine buschige Zahnbürste gefunden.

Die Hoffnung, noch mehr Tieren zu begegnen, müssen wir leider begraben. Außer einem Vogel kommt nix mehr. Und so treffen wir nach gut vier Stunden Marsch wieder im Camp ein, machen uns kurz „frisch“ (schwierig, ohne Dusche) und füllen unsere völlig verdorrten Mägen mit bereits aufgetafelten Buffet-Elementen.

Danach ist Suppenkoma angesagt. Freizeit. Schon wieder! Diesmal spaltet sich das Grüppchen in zwei Lager: die mutigen Sumpftouristen und die scheuen Grashocker. Nach sekundenschnellem Abwägen, ob wir die afrikanischen Würmer in unserem Körper riskieren wollen, schlüpfen wir in unsere Badeoutfits und stapfen wagemutig zum Ufer. Das Wasser im Okavangodelta ist alles andere als klar, seltsame Gewächse schwimmen darin. Wir waten durch das sumpfige Wasser. An unseren Beinen stacheln weihnachtsbaumähnliche Nadeln. Wachsen da Tannen im Wasser?

Der Weg in unsere Badewanne führt über tümpelartige Wasserwege.

Der Weg in unsere Badewanne führt über tümpelartige Wasserwege.

Entschlossen kämpfen wir uns durch Schlingpflanzen und allerlei Gestrüpp. Schließlich hocken wir – entgegen jeglicher Reiseführer-Empfehlung – mitten im Suppentopf voller Okavango-Brühe. Wir fühlen uns großartig! Wie viele Menschen dieser Erde haben hier wohl schon gethront? Wir sind Exoten. Ausnahmetalente. Und wahre Experten in Sachen Beauty und Wellness. Mit den Füßen angeln wir uns Schlamm vom Grund und pinseln uns diesen – zunächst zaghaft, dann euphorisch – auf unsere Haut. Fango im Okavango. Herrlich getarnt glucken wir so in unserem Tümpel und erfreuen uns des Lebens.

Zudem haben uns die Einheimischen die Möglichkeit eröffnet, ihre kleinen Boote, die Mokoros, einmal selbst zu steuern. Gar nicht leicht, darin das Gleichgewicht zu halten und den fahrbaren Untersatz nicht zum Kentern zu bringen. Somit gibt es immer wieder Weggefährten, die durch unsere Badewanne schaukeln. Während wir kleine Schlammbröckchen von A nach B fliegen lassen, naht aus dem Augenwinkel eines dieser Boote. Eine Steuerfrau steht – wie beim Mokoro üblich – ganz hinten, die Stange in der Hand. Gekonnt navigiert sie ihr hölzernes Gefährt. Sie versucht sich ihren Weg zu bahnen und ruft uns zu, ihr Platz zu machen. Seelenruhig schaut die Quietsche-Entchen-Fraktion auf die Kapitänsfrau. „Du kommst sowieso nicht mehr bis hierher“, ruft ihr ein Planschgeselle entgegen. Dann bricht ein gigantisches Gelächter los – „blubb blubb blubb“ – das Boot sinkt samt Steuerfrau hinten langsam ins Wasser, die vordere Spitze steigt nach oben. Ohne Panik, Stress oder auch nur einen winzigen Laut hält unsere Steuerfrau tapfer die Stange und taucht ohne einen Mucks ein. Schwupps – hockt sie mit uns im Wasser. Und das Boot? Das hat wohl ein Leck.

Als wir nach minutenlangem Lachkrampf anschließend genüsslich in der Sonne trocknen, werden wir darüber in Kenntnis gesetzt, dass am Abend eine Performance von uns erwartet wird. Bitte was?! Die Einheimischen führen wohl etwas Traditionelles auf – und als Zeichen der Wertschätzung und der Dankbarkeit für die Gastfreundschaft sind auch die Delta-Touristen angehalten, etwas darzubieten. Anfangs halten wir das für einen Scherz, dennoch debattieren wir eifrig, womit wir unser Land und unsere Kultur angemessen und würdevoll repräsentieren. Entschieden wird nichts.

Damit das touristische Sitzfleisch trocken bleibt, werden die Mokoros wieder mit Stroh ausgekleidet.

Damit das touristische Sitzfleisch trocken bleibt, werden die Mokoros wieder mit Stroh ausgekleidet.

In den frühen Abendstunden werden wir in unsere lieb gewonnenen Boote umgeladen: Wir machen einen Ausflug durchs Delta.

Es gibt nur wenige Orte, an denen ich soooo entspannt sein kann wie hier...

Es gibt nur wenige Orte, an denen ich soooo entspannt sein kann wie hier…

Schon wenige Meter hinter unserem Camp steckt ein Hippo seinen Kopf neugierig aus dem Wasser. Oh – etwas überrascht stellen wir fest, dass das Nilpferd dieselbe Badewanne nutzt wie wir noch vor wenigen Stunden, nur halt ein paar Ecken weiter.

Gar nicht weit weg vom Boot steckt ein Nilpferd seinen Kopf aus dem Wasser.

Gar nicht weit weg vom Boot steckt ein Nilpferd seinen Kopf aus dem Wasser.

Entspannt schippern wir durch die Landschaft – bis in den Sonnenuntergang.

Langsam dämmert es und die Landschaft ist in ein herrliches Licht getaucht.

Langsam dämmert es und die Landschaft ist in ein herrliches Licht getaucht.

Wir legen einen Zwischenstopp auf dem Festland ein - Zeit für eine Foto-Session.

Wir legen einen Zwischenstopp auf dem Festland ein – Zeit für eine Foto-Session.

Einfach mal die Füße hochlegen! So lässt es sich leben...

Einfach mal die Füße hochlegen! So lässt es sich leben…

Abends wird delikat gespeist. Unsere Gastgeber brutzeln ihr eigenes Essen am Lagerfeuer. In einem Topf gart Fleisch. Wir bekommen ein Häppchen angeboten: Es ist Elefanten-Fleisch. Auch ich lasse mir diese exotische Kostprobe nicht entgehen. Mein Gaumen vermeldet kritisch, dass ich Chili-Fäden speise. Sehr faseriges Fleisch – und für meinen Geschmack völlig überwürzt. Mit Weißwein spüle ich nach. Und auch das Anti-Malaria-Pillchen rutscht noch den brennenden Rachen hinunter.

Nach einer Weile am Lagerfeuer startet schließlich die angekündigte, doch von uns unterschätzte Unterhaltungszeremonie. Wir als Gäste dürfen anfangen – Gott sei Dank, hätten wir erst nach dem Auftritt unserer Gastgeber performt, wären wir vor Peinlichkeit im Boden versunken. Ohne jegliche Vorbereitung präsentieren wir zwei deutsche Meisterwerke: den „Ententanz“ und „Bruder Jakob“ als Kanon. Das Publikum applaudiert wohlwollend und zeigt sich begeistert, während wir selbst noch überrascht sind, dass wir das im Blindflug recht passabel hinbekommen haben.

Die Darbietung unserer Gastgeber versetzt unsere Kinnladen in freien Fall: Wie kleine Rumpelstilzchen tanzen sie singend ums Feuer. Fantastisch. Emotional. Authentisch.

Am Lagerfeuer rumliegen und die Talente anderer Menschen bestaunen - schön.

Am Lagerfeuer rumliegen und die Talente anderer Menschen bestaunen – schön.

Mit ein paar touristentauglichen Spielchen klingt der Abend harmonisch aus. Seither wissen wir treffsicher, wie eine Gabel aussieht…

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