editors @ wien

Eine britische Indie-Rock-Band hatte ich lange nicht auf meinem „Tourplan“. Letztens spielten sie noch die Telekom Street Gigs, am 8. Oktober 2013 sind Editors für ihr aktuelles Album The Weight of Your Love im Gasometer in Wien. Ein seltsames Event. Zum ersten Mal merke ich einen deutlichen Unterschied zwischen einem Konzert von Bands, für die man brennt – wie ich für Kaizers Orchestra oder Madsen – und einer Band, die man einfach gerne mal sehen würde. Aber auch hier passieren Geschichten, die das Leben schreibt…

Schon der Typ am Eingang zum Konzertsaal hat eine Kopfnuss verdient. Steht hinter seiner Absperrung und glotzt die Leute an. Mir ist bewusst, dass es mehrere Eingänge gibt, aber am mittleren kann man ja eigentlich nicht viel falsch machen. Einer der Gäste fragt schließlich die Pappnase an ihrer verriegelten Tür, wann sie denn gedenkt, den Weg zur Bühne freizuräumen. Da antwortet das Sicherheitsmännlein stoisch: „Goar nicht.“ Seine Tür ist nur ein Ausgang.

Ich nutze einen Seiteneingang und bin überrascht, dass die Halle schon zu über einem Drittel gefüllt ist. Trotzdem geht der Jackpot für einen der besten Plätze ohne großen Aufwand an mich. Man stelle sich ein Glas mit rohen Nudeln vor, in das man Salz hinein kippt. Mühelos rieselt das Salz auf den Boden des Behälters – vorbei an all den Teigwaren. Ich bin das Salz, und stehe plötzlich ganz vorn. Ich genieße meine freie Sicht – bis zu dem Moment, als ich realisiere, was neben mir passiert: Zwei Mädels haben ein selbst gemaltes Plakat dabei. Oh mein Gott, bitte nicht!

Ich ignoriere das pubertierende Gemüse und schenke meine Aufmerksamkeit einer belgischen Combo namens Balthazar, die als Vorband der Editors auf die Bühne marschiert. Gefällt mir gut! Die Stimme des Sängers erinnert mich oftmals an die melodischen Klänge von The Veils.

Danach fangen die beiden Damen neben mir an, ihr Plakat an der Absperrung befestigen zu wollen. Ein großartiges Schauspiel, das ich mit einem stillen Lächeln verfolge. Laut lachen wäre auffällig. Dann geht es los. Editors haben – ähnlich wie Kaizers Orchestra – eine kleine Einmarschmusik, bevor sie die Bühne betreten. Ich nutze die Gelegenheit und bastele mir aus einem Taschentuch ein Paar Ohropax – ich danke meinem Hirn für diese Idee: Als das erste Editors Bandmitglied einen Fuß auf die Bühne setzt, katapultiert sich eine kreischende Schallwelle in mein Ohr. Meine Augen fangen automatisch an zu rollen. Nein, bitte nicht… Dann fängt das Groupie an, ausladend zu klatschen, sodass ich das Gefühl habe, ich hätte einen Scheibenwischer vor der Nase. Als sie schließlich auch noch zu springen beginnt, wünsche ich mir für einen Moment, der Security-Mann vor mir würde sie woanders hinstellen. Seinem Blick nach zu urteilen, hat er einen ähnlichen Gedanken, lässt die Dame aber fröhlich an meiner Seite weiter jaulen.

Editors liefern eine gute Show ab, aber ich muss zugeben, so richtig geflasht wie sonst bei vielen Konzerten, zum Beispiel Kaizers Orchestra in Bergen oder Muse in Berlin, bin ich nicht. Ich glaube, es liegt daran, dass ich nicht mitsingen kann, weil ich die Texte nicht beherrsche, und an der fehlenden Interaktion mit dem Publikum. „Hello Vienna“ und ein regelmäßiges „Everything alright?“ oder „Are you okay?“ sind leider das Maximum. Erinnert mich an das Kings of Leon Konzert, damals in Frankfurt – als ich noch jung war. Okay, und die Band wurde kurz namentlich vorgestellt. Aber sonst? Keine Anekdoten, nichts Persönliches. Schade. Ich hätte gerne auch die Band ein bisschen kennengelernt, nicht nur ihre gute Musik. Editors setzen eher auf Licht als auf Worte: Für Epileptiker wäre das ein Todesurteil. Ich mag solches Spektakel, nur ist es für mich durch das ständige Flackern und die vernebelte Bühne äußerst schwierig, gescheite Bilder zu machen.

Beim Editors Konzert in Wien holt Sänger Tom Smith alles aus sich heraus.

Beim Editors Konzert in Wien holt Sänger Tom Smith alles aus sich heraus.

Tom Smith, Sänger von Editors

Tom Smith, Sänger von Editors

Tom Smith, Sänger von Editors

Tom Smith, Sänger von Editors

Justin Lockey, Gitarrist von Editors

Justin Lockey, Gitarrist von Editors

Eliott Williams, der Mann an Synthesizer und Gitarre

Eliott Williams, der Mann an Synthesizer und Gitarre

Es dauert nicht lange, da segelt ein T-Shirt auf die Bühne. Das wird von der Band genauso ignoriert wie die akribisch gemalten Plakate der Mädels. Ich habe mich extra ein bisschen verrenkt, um zu erkennen, was sie gekritzelt haben: „No Sound But Editors“ stand in Schönschrift geschrieben. Ich bin beruhigt, ein Kind von der Band wollen sie nicht.

Editors am 8. Oktober 2013 im Gasometer in Wien

Editors am 8. Oktober 2013 im Gasometer in Wien

Editors am 8. Oktober 2013 im Gasometer in Wien

Editors am 8. Oktober 2013 im Gasometer in Wien

Editors Sänger Tom Smith singend am Klavier

Editors Sänger Tom Smith singend am Klavier

Editors Sänger Tom Smith singend am Klavier

Editors Sänger Tom Smith singend am Klavier

Wie aus dem Nichts werde ich plötzlich attackiert. Aus dem Hinterhalt springt mir ein Typ fast ins Genick und quetscht sich schließlich vorne zwischen mich und die noch kleinere Dame neben mir. Noch bevor wir ihm verbal die Leviten lesen können, entgleist uns beiden das Gesicht: Oben ohne steht er da! Mit hochgezogener Augenbraue schauen wir zeitgleich von beiden Seiten an ihm herunter – und sind erleichtert: Immerhin hat er eine Hose an! Ich hatte schon befürchtet, es ist der erste Flitzer meiner Konzertgeschichte.

Zusammengefasst: Jetzt habe ich links einen wild fuchtelnden und völlig euphorisch johlenden Typen mit nacktem Oberkörper stehen, der am liebsten auf die Bühne springen und den Sänger umarmen will, aber an der Absperrung scheitert – und rechts die hyperaktiv klatschende und kreischende Dame mit ihrem Poster. Fotografieren wird dadurch nicht unbedingt leichter – wie die Qualität der Bilder unschwer erkennen lässt.

Tom Smith, Sänger von Editors, in seiner ganzen Euphorie

Tom Smith, Sänger von Editors, in seiner ganzen Euphorie

Tom Smith macht es meinem Nachbarn nach und zieht für den Hauch einer Sekunde blank

Tom Smith macht es meinem Nachbarn nach und zieht für den Hauch einer Sekunde blank.

Der benachbarte Nackedei verlangt schließlich wild gestikulierend nach seinem Shirt, das auf der Bühne liegt. Jetzt wird mir einiges klar… Es ist überaus amüsant zu sehen, wie er mit dem Security-Mann verhandelt. Erfolglos. Sein Shirt bleibt auf der Bühne. Als er heißblütig das Springen anfängt und so vorne für Unruhe sorgt, reagieren zwei Securities auf meine in Falten gelegte Stirn und schreiten ein. Mit noch faltigerem Gesicht drängen sie das unbändige Ungetüm sanft nach hinten und geben ihm mit ihren Blicken zu verstehen, dass das für den Rest des Konzerts sein Platz bleibt. Die noch kleinere Dame neben mir und mich freut’s.

Tom Smith freut sich auf der Bühne mit uns.

Tom Smith freut sich auf der Bühne mit uns.

Huch. Dann kniet Tom Smith plötzlich vor mir. Das Groupie neben mir ist den Tränen nahe und reckt die Hände nach vorn. Glücklicherweise mir nicht vor die Linse.

Huch. Dann kniet Tom Smith plötzlich vor mir. Das Groupie neben mir ist den Tränen nahe und reckt die Hände nach vorn. Glücklicherweise mir nicht vor die Linse.

Editors am 8. Oktober 2013 im Gasometer in Wien

Editors am 8. Oktober 2013 im Gasometer in Wien

Ich bin überrascht, wie viele Menschen am Ende mit Ellenbogeneinsatz zur Bühne stürmen, um eine Setlist zu ergattern. Fräulein Groupie neben mir geht leer aus, aber sie hat ja ihr schönes Plakat.

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